5 persönliche Stressverstärker und was dahinter steckt!

Persönliche Motive und Ziele sowie verinnerlichte Normen sind Stress verschärfende innere Sollwerte, die die interne Messlatte darstellen, an der wir die persönliche Bedeutsamkeit alltäglicher Situationen und Anforderungen bemessen. Kennzeichnend für stressverschärfende Sollwerte ist ein „Muss“-Denken.

Motive, Ziele oder verinnerlichte Normen werden zu absoluten Forderungen erhoben, deren Erfüllung als absolut notwendig für das eigene Wohlbefinden und Selbstwertgefühl angesehen wird. Persönliche Stressverstärker bestehen letztlich in einer Übersteigerung an sich normaler menschlicher Motive. Fünf häufige persönliche Stressverstärker möchte ich Ihnen im Folgenden vorstellen.

1. Sei perfekt!

Typische Gedanken sind:

  • Es ist nicht akzeptabel, wenn ich eine Arbeit nicht schaffe
  • Ich muss immer für meinen Betrieb da sein
  • Es gibt nichts Schlimmeres, als Fehler zu machen
  • Auf mich muss hundertprozentig Verlass sein
  • Ich muss immer alles richtig machen

Im Hintergrund dieses Stressverstärkers steht das Leistungsmotiv, der Wunsch nach Erfolg und Selbstbestätigung durch gute Leistungen. Wer leistungsmotiviert ist, will etwas gut, besser oder – am besten – am besten machen. Wenn dieses Motiv allerdings übermächtig und zur absoluten Forderung erhoben wird, dann verbindet es sich mit einer ausgeprägten Stressanfälligkeit vor allem gegenüber solchen Situationen, in denen ein Misserfolg, Versagen und eigene Fehler möglich sind oder drohen. Durch das perfektionistische Leistungsverhalten wird versucht, derartige Situationen unter allen Umständen zu vermeiden. Das Problem besteht hier nicht darin, sich ständig verbessern zu wollen oder nach Höchstleistungen zu streben. Auch gibt es selbstverständlich Aufgabenbereiche, in denen es auf höchste Genauigkeit und Perfektion ankommt. Problematisch wird es dann, wenn das perfektionistische Leistungsstreben in alle Lebensbereiche hineingetragen und auf jede beliebige berufliche Aufgabe oder private Aktivität übertragen wird. Dies führt über kurz oder lang unweigerlich in die Selbstüberforderung und schließlich in die Erschöpfung.
Ausgleich und mögliche förderliche Einstellung: Auch ich darf Fehler machen.

2. Sei beliebt!

Typische Gedanken sind:

  • Ich will/darf andere nicht enttäuschen
  • Es ist schrecklich, wenn andere mir böse sind
  • Ich will mit allen Leuten gut auskommen
  • Es ist schlimm, wenn andere mich kritisieren
  • Es ist wichtig, dass mich alle mögen

Im Hintergrund dieses Stressverstärkers steht das Bindungsmotiv, der Wunsch nach Zugehörigkeit, nach Angenommensein und Liebe. Wenn dieses Motiv übermächtig und zur absoluten Forderung erhoben wird, dann verbindet es sich mit einer ausgeprägten Stressanfälligkeit vor allem gegenüber solchen Situationen, in denen Ablehnung, Kritik und Zurückweisung durch andere möglich sind oder drohen. Als besonders belastend wird auch erlebt, wenn man eigene Interessen vertreten und andere enttäuschen muss oder wenn Konflikte, Meinungsverschiedenheiten und Ähnliches mit anderen bestehen. Derartige Situationen müssen unter allen Umständen vermieden oder entschärft werden. Dies wird versucht, indem man eigene Interessen zurückstellt und sich bemüht, es buchstäblich allen recht zu machen. Auch eine übergroße Hilfsbereitschaft steht bisweilen im Dienst des „Sei beliebt!“-Verstärkers. Sicher gibt es immer wieder Situationen, in denen es notwendig oder angemessen ist, Kompromisse zu schließen, nachzugeben und anderen zu helfen. Das Problem liegt auch hier wieder in der Übertreibung, in einem „Zuviel des Guten“, das auf längere Sicht in die Selbstüberforderung und ins Burnout führt.
Ausgleich und mögliche förderliche Einstellung: Ich darf „nein“ sagen.

3. Sei unabhängig!

Typische Gedanken sind:

  • Am liebsten mache ich alles selbst
  • Starke Menschen brauchen keine Hilfe
  • Wenn ich mich auf andere verlasse, bin ich verlassen
  • Ohne mich geht es nicht
  • Es ist schrecklich, auf andere angewiesen zu sein

Im Hintergrund dieses Stressverstärkers steht das Autonomiemotiv, der Wunsch nach persönlicher Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Wenn dieses Motiv übermächtig und zur absoluten Forderung erhoben wird, dann verbindet es sich mit einer ausgeprägten Stressanfälligkeit vor allem gegenüber solchen Situationen, in denen eine Abhängigkeit von anderen sowie eigene Hilfsbedürftigkeit und Schwächen erlebt werden oder drohen. Menschen, mit einem stark ausgeprägten Autonomiestreben erledigen deshalb ihre Aufgaben am liebsten allein und machen Schwierigkeiten, Sorgen und Ängste mit sich selbst aus. Es fällt ihnen schwer, andere um Hilfe oder Unterstützung zu bitten und sich anderen anzuvertrauen. Sie versuchen unter allen Umständen gegenüber sich und anderen das Bild der Stärke und Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. Dass ein solches Verhalten längerfristig leicht in die Selbstüberforderung bis zur Erschöpfung führen kann, liegt auf der Hand. Stressverschärfend wirkt hier nicht das an sich gesunde Streben nach Unabhängigkeit, sondern wieder dessen einseitige Übertreibung, die es nicht erlaubt, sich auch einmal bei anderen anzulehnen und sich helfen zu lassen.
Ausgleich und mögliche förderliche Einstellung: Ich darf auch mal Schwäche zeigen.

4. Behalte die Kontrolle!

Typische Gedanken sind:

  • Es ist entsetzlich, wenn etwas nicht so läuft, wie ich will oder es geplant habe
  • Es ist wichtig, dass ich alles unter Kontrolle habe
  • Bei Entscheidungen muss ich mir hundertprozentig sicher sein
  • Ich muss ständig daran denken, was alles passieren könnte
  • Es ist ganz fürchterlich, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt

Im Hintergrund dieses Stressverstärkers steht das Kontrollmotiv, der Wunsch nach Sicherheit im und Kontrolle über das eigene Leben. Wenn dieses Motiv übermächtig und zur absoluten Forderung erhoben wird, dann verbindet es sich mit einer ausgeprägten Stressanfälligkeit vor allem gegenüber solchen Situationen, in denen Kontrollverlust, Fehlentscheidungen und Risiken möglich sind oder drohen. Um solche Situationen zu vermeiden, versuchen Menschen mit einem starken Kontrollstreben möglichst alles selbst unter Kontrolle zu haben. Es fällt ihnen schwer zu delegieren. Sie neigen dazu, sich ständig Sorgen über mögliche Risiken und Gefahren zu machen, und es kostet sie viel Zeit und Kraft, Entscheidungen zu treffen, aus Angst, mögliche Risiken zu übersehen. So kann auch dieser Stressverstärker längerfristig Selbstüberforderung und Ausbrennen begünstigen, da eine hundertprozentige Sicherheit und Kontrolle nicht zu erreichen sind. Gerade in Zeiten zunehmender Unsicherheit bedarf das Sicherheitsstreben eines Ausgleichs durch Mut zum kalkulierten Risiko, durch Loslassen und durch Vertrauen.
Ausgleich und mögliche förderliche Einstellung: Ich darf loslassen.

5. Halte durch!

Typische Gedanken sind:

  • Aufgeben kommt für mich niemals in Frage
  • Ich muss unter allen Umständen durchhalten
  • Wenn ich mich wirklich anstrenge, dann schaffe ich es
  • Ich muss den Druck (Ängste, Schmerzen, etc.) auf jeden Fall aushalten
  • Man muss wirklich hart gegen sich selbst sein

Im Hintergrund dieses Stressverstärkers steht das zentrale Streben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung, das hier allerdings nicht zu stark ausgeprägt ist, wie dies bei anderen Stressverstärkern der Fall ist, sondern im Gegenteil zu stark unterdrückt wird. Man ist zu hart zu sich selbst. Bei der Verfolgung von Zielen gilt Durchhalten als oberste Maxime. Dies kann dann dazu führen, dass man sich keine Pausen erlaubt, dass man Signale eigener Erholungsbedürftigkeit ignoriert oder verleugnet, dass man an unrealistischen Zielen oder unlösbaren Aufgaben zu lange festhält, und sich so selbst langfristig in die Erschöpfung treibt. Natürlich ist es eine wichtige, ja notwendige Fähigkeit, das Luststreben zu überwinden, sich bei der Verfolgung von Zielen auch unangenehmen Aufgaben stellen zu können und die eigene Komfortzone zu verlassen. Problematisch ist hier wieder die Übertreibung, ein „Zuviel des Guten“, das es nicht erlaubt, sich auch einmal auszuruhen und sich unangenehmen Dingen zu entziehen.
Ausgleich und mögliche förderliche Einstellung: Ich sorge für mich.
Aus: Kaluza, G.: Stressbewältigung, 2018, Springer-Verlag

Inwieweit treffen diese fünf persönlichen Stressverstärker auch auf Sie zu? Gerne helfe ich Ihnen dabei, Ihren eigenen stressverschärfenden Motiven auf die Spur zu kommen, Ihr individuelles Stressverstärker-Profil zu erstellen und mentale Gegenmittel in Form von förderlichen Gedanken zu entwickeln.